Geht die Reise alleine weiter? Brief für meine Schwester #4

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was ich schreiben soll. Diese Woche war anders. Also fang ich einfach mal an zu erzählen…

Montag, 09.10

Unser erster Arbeitstag. Da wir zwei Stunden von der Arbeit entfernt wohnen, mussten wir schon ziemlich früh aufstehen. Die Zugfahrt haben wir noch hinbekommen, dann haben wir aber den Busbahnhof nicht gefunden und den Bus verpasst. Die Zeit war knapp, deswegen sind wir einfach in einen Bus eingestiegen anstatt auf den richtigen zu warten. Wir standen beide total unter Spannung, denn wir wollten an unserem ersten Arbeitstag auf keinen Fall zu spät kommen. In Hillsdale, wo wir arbeiten, kamen wir dann drei Minuten vor neun an, deshalb mussten wir einen Sprint einlegen. Wir waren pünktlich! Als wir ankamen, kam es uns so vor, als hätten sie gar keine Arbeit für uns, da sie total überrascht waren, dass wir da sind. Was wir machen mussten: Stifte auspacken, in die Druckerei schieben und dann später wieder einpacken. Man steht sieben Stunden unter Strom, darf sich keine Sekunde ausruhen und muss total einfache Arbeit machen, die einem nach einer Zeit einfach auf die Nerven geht. Das Beste vom Tag: unsere Arbeitgeberin meinte am Anfang, dass nur einer die Position längerfristig haben könnte. Das heißt, dass wir entweder beide den Job nicht machen oder unsere gemeinsame Reise diese Woche enden wird. Nach der Arbeit war ich mit den Nerven so am Ende und wollte nur nach Hause. Leider stiegen wir wieder in den falschen Bus ein. Es war so ein richtiger Montag und ich habe Angst davor, dass ich ab nächste Woche alleine reisen muss, denn genau das ist es, was ich nie wollte.

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Dienstag, 10.10

Heute war es ein klein bisschen besser als gestern. Wir mussten zwar wieder zur Arbeit sprinten, aber ein bisschen Sport am Morgen tut ja jedem gut. Die Arbeit war ok und regte mich nach ein paar Stunden wieder total auf, denn ich musste das Gummiband von  Coffee to go Bechern abziehen. Ich weiß nicht, wie das Leute längerfristig machen können und es ist total erstaunlich wie viel Spaß sie manchmal dabei haben. Mit uns arbeitet ein Mädchen, das diese Woche ihren letzten Arbeitstag hat. Sie hat für ihre weitergehende Reise gearbeitet und es ist unglaublich wie schnell und diszipliniert sie arbeitet. Die Leute haben meinen größten Respekt, denn sie werden oft nicht gut behandelt und haben eine To-do Liste, die wirklich lang ist. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, wer den Job bekommen wird und ob ich ihn auch annehmen würde, wenn Selina keinen Job haben würde, aber ich denke nicht, denn ich finde es total unfair von der Arbeitgeberin, dass sie unsere Freundschaft so auf die Probe stellen will.

 

Mittwoch, 11.10

Ein Wunder ist geschehen: wir mussten heute mal nicht rennen und kamen sogar 30 Minuten zu früh. Ich war schon ziemlich stolz auf uns. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was ich euch diese Woche groß erzählen soll, denn wir gehen arbeiten, fahren nach Hause und essen etwas. Meistens Reis, denn im Airbnb von Eric gibt es einen Reiskocher. In den habe ich mich ein bisschen verliebt und werde mir auf jeden Fall einen zulegen, wenn ich wieder zu Hause bin.

 

Donnerstag, 12.10

Die ganze Zeit hatte ich schon so ein komisches Gefühl und das bestätigte sich auch. Am Morgen machten Selina und ich aus, dass ich den Job bekommen sollte, denn Selina hätte einen Job im Café. Wir dachten, dass es der Frau egal wäre, wer von uns bleiben würde, war es ihr auch, aber irgendwie auch nicht. Warum ich den Job machen würde, obwohl er mich so aufregt? Ganz einfach: man wird gut bezahlt und wir könnten zusammen bleiben. Nach der Mittagspause erzählte mir dann Selina, dass die Frau zu ihr meinte, dass sie den Job haben könnte, es ihr aber eigentlich egal wäre. Für mich war das natürlich ein totaler Schock, aber ich hatte ja schon die ganze Zeit so ein komisches Gefühl. Nach der Arbeit machten wir uns auf den Weg zu unserem neuen Apartment. Die Fahrt war für mich das reinste Gefühlschaos. Als wir dann am Flughafen vorbeigefahren sind, wäre ich am liebsten ausgestiegen und nach Hause geflogen. Ich frage mich, warum sie mich nicht wollen und habe totale Selbstzweifel, obwohl ich den Job ja eigentlich gar nicht machen will. Jetzt überlegt Selina, ob sie den Job annehmen will und sucht schon nach Wohnungen. Das heißt: die gemeinsame Reise ist vorbei (vielleicht, denn Selina entscheidet sich jeden Moment um). Für mich ist das natürlich schwierig, aber ich könnte ab Montag auf eine Farm und hoffe, dass ich dort einfach ein paar Wochen bleiben kann und endlich mal richtige Australier kennenlerne. Ich kann es auch alleine schaffen. Ich weiß das! Aber: Ich wollte nie alleine nach Australien. Nie! Jetzt muss ich damit klar kommen und werde es auch. Die Frau meinte zwar, dass wir am Montag beide nochmal arbeiten könnten und danach vielleicht auch, aber auch nur vielleicht. Für eine Vielleicht bleibe ich nicht noch länger hier und gebe Geld für ein Apartment etc. aus. Warum kann man hier einfach keine genauen Anweisungen bekommen?

 

Freitag, 13.10

Am Morgen war Selina sich immer noch unsicher. Ich kann natürlich verstehen, warum sie den Job machen würde und möchte sie deswegen auch nicht beeinflussen. Im Bus teilte sie mir dann ihre Entscheidung mit: sie will mit mir auf die Farm gehen. So richtig glauben konnte ich das natürlich nicht, denn sie hat auch ein schlechtes Gewissen die zwei Arbeiter mit den ganzen Sachen im Stich zu lassen. Die Arbeit war heute ausnahmsweise mal gut, denn das Mädchen hatte heute ihren letzten Tag und deshalb gingen wir essen. Es war aber auch eine total komische Stimmung, denn die Arbeitgeberin rückte mit nichts raus. Also teilte Selina ihr ihre Entscheidung mit und dann meinte sie, dass wir nächste Woche nochmal beide arbeiten könnten. Sie bräuchte uns beide.  Zusammengefasst: der ganze Stress war ganz umsonst. Natürlich freue ich mich auch ein bisschen, aber jetzt müssen wir schon wieder eine Unterkunft finden. Auf die Farm fahren wir am Freitag (zusammen). Ich freue mich schon total darauf und auch ein bisschen auf die Arbeit, auch wenn meine Hände so geschwollen sind und ich gar keine Fingernägel mehr habe. Meine Prinzessinnenhände sind nicht mehr vorhanden. Nach der Arbeit gönnten wir uns erstmal Sushi. In dem neuen Apartment gingen wir trainieren und entspannen jetzt im Whirlpool. Die Wohnung ist einfach ein Traum und der Tag war ein perfekter Abschluss zu der stressigen Arbeitswoche. Ich bin froh, dass unsere gemeinsame Reise noch nicht zu Ende ist, aber ich denke, dass solche Situationen noch öfter vorkommen werden.

 

Samstag, 14.10

Eigentlich wollten wir ja an den Strand gehen, aber das Wetter spielte leider nicht so mit.  Deswegen machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Zuerst informierten wir uns im Office darüber, wie teuer eine Reise nach Neuseeland wäre, denn wir überlegen im Dezember für drei Wochen dorthin zu fliegen. Danach machten wir uns auf den Weg zum Museum of Contemporary Art Australia. Der Eintritt war zum Glück frei. Perfekt für unseren Geldbeutel. Ist auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn mal schlechtes Wetter ist. Danach waren wir noch im Westfield-Einkaufszentrum, aber leider war es total überfüllt. Verständlich, denn es ist Samstag. Den Nachmittag verbrachten wir in der Wohnung und erholten uns ein bisschen von der stressigen Woche. Ich komme gerade vom Training und habe heute festgestellt, dass die meisten Leute die Geräte falsch benutzen. Ich war einfach mal so mutig und habe sie darauf angesprochen. Jetzt habe ich morgen sozusagen ein Date mit zwei Jungs, denen ich meine Hilfe angeboten habe. Wenn ich ehrlich bin, freue ich mich schon total darauf. Obwohl wir heute eigentlich was ganz besonderes unternehmen wollten, war der entspannte Tag einfach perfekt.

 

Sonntag, 15. 10

Nach dem perfekten Sonntagsfrühstück starteten wir unseren Tag und fuhren Richtung Bondi. Da wir schon ziemlich viel in Sydney gesehen haben, haben wir gestern mal nach Geheimtipps gegoogelt. Das Ergebnis: Dudley Page Reserve. Es ist ein Park, in dem man eine Aussicht auf die gesamte Stadt hat. Es war so wunderschön und natürlich durfte ein Foto auf der berühmten Schaukel nicht fehlen. Danach sind wir zum Angel Place gefahren. In der Gasse war es einfach total leer, dies hätten wir echt nicht erwartet. Ich denke, dass wenn das Wetter besser gewesen wäre, alles noch viel schöner gewesen wäre, aber wir haben das beste aus dem Tag gemacht. Jetzt geht es auf zum Training! Ich bin mal gespannt, ob die Jungs den Trainingsplan mögen, den ich ihnen zusammengestellt habe. Es war zwar schwierig, denn es gibt echt nur ein paar Geräte, aber für Anfänger reicht das völlig.

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Liebe Alina, 

ich wünsche Dir alles Liebe und Gute zu deinem Geburtstag! Ich bin total traurig, dass ich an deinem besonderen Tag nicht da sein kann, aber nächstes Jahr, wenn du 18 wirst, machen wir eine riesige Feier! Ich bin so stolz auf dich. Du hast so viel geschafft und bist in den letzten Monaten so viel stärker geworden. Ich vermisse unsere ständigen Zickereinen, die gemeinsamen Autofahrten, unsere Beautytage und deine täglichen Erzählungen. Eigentlich einfach alles! Es ist so komisch, dass ich heute nicht da sein kann. Besonders heute wäre ich gerne zuhause und würde mit euch am Tisch sitzen, Kuchen essen und euch am Abend dabei zuhören wie ihr euch bei dem Zusammenbauen von deinem Geschenk in die Haare bekommt. Hab einen schönen Tag ❤ Denke ganz fest an dich! 

 

 

Diese Woche war anders. Anders als erwartet und als geplant. Jetzt ist sie vorbei und ich bin froh darüber. Ich weiß, dass es noch mehr solche Wochen geben wird, an denen man einfach nicht mehr weitermachen will. Aber alles hat einen Grund. Von Tag zu Tag werde ich stärker und wachse mit jeder Aufgabe. Es wird noch mehr von solchen Wochen geben und ich bin bereit dafür. Diese Woche wäre unsere gemeinsame Reise fast vorbei gewesen. Ich bin mal gespannt wie es weitergehen wird und ob wir wirklich auf die Farm gehen werden, denn ich habe so ein Gefühl, dass uns nächste Woche schon die nächste Überraschung erwarten wird. Eigentlich wollte ich diese Woche keinen Blog schreiben, da ich einfach keine Motivation hatte, aber es hat gut getan die ganzen Gefühle und Sorgen von meiner Seele zu schreiben.

Bis bald!

Eure Lara

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2 Gedanken zu “Geht die Reise alleine weiter? Brief für meine Schwester #4

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