Chasing kangaroo #33

Montag, 30.04

Die Woche hat schon mal super gestartet. Nicht. Heute haben wir wieder die Tomaten herausgerissen. Beim Saubermachen ist es dann passiert. Ich habe mein Armband verloren. Ich war ganz schön fertig, da ich damit ziemlich viele Erinnerungen verbinde. Es hat mich zwei Jahre begleitet und ich habe es nie abgelegt. Es fühlt sich so komisch an. Man fühlt sich richtig nackt. Die Stimmung war heute so naja, da sich Aydos Freundin von ihm getrennt hat. Deshalb hatte er ziemlich schlechte Laune. Zum Glück war Jack, der Sohn von Tom, da und hat mit mir gearbeitet. Mit ihm verstehe ich mich echt gut. Am Anfang hatte ich ein bisschen Panik, da Sarah gemeint hat, dass er ziemlich komisch wäre. Was ich daraus gelernt habe und was ich eigentlich auch schon vorher wusste: man muss sich immer ein eigenes Bild von jemanden machen und man sollte nie zu früh urteilen.

Dienstag, 01.05

Die Woche sollte auch noch besser weitergehen. Heute haben wir etwas richtig blödes gemacht. Du weißt bestimmt, dass Tomaten an diesen Drähten wachsen, diese mussten wir heute entfernen. Das war vielleicht anstrengend. Nicht unbedingt körperlich anstrengend. Es war eher anstrengend, da Aydo mich die ganze Zeit angeschrieen hat. Ich verstehe ja, dass es schlechte Laune hat, aber ich finde, dass er diese nicht an mir auslassen sollte. Nur weil er Probleme mit seiner Freundin hat, sollte er dafür nicht alle weibliche Personen verurteilen. Mittags hat mich Tom abgeholt und hat natürlich wie immer gefragt wie die Arbeit war. Normalerweise lasse ich die Arbeit nicht so persönlich an mich dran, aber irgendwas war heute anders. Ich habe auf einmal angefangen zu heulen. Es war mir schon ein bisschen peinlich, aber es musste einfach sein. Ich kann auch überhaupt nicht sagen, warum ich geweint habe. Viellicht weil er mich angeschrien hat oder viellicht weil ich nicht verstehe, warum er sich so hasst. Wie kann man so viel Selbsthass haben?

Mittwoch, 02.05

Heute habe ich mal wieder Tomaten gewaschen. Man merkt, dass die Saison vorbei ist, aber es hängen schon wieder so viele grüne Tomaten an den Sträuchern. Echt Wahnsinn. Es ist schon ein bisschen komisch, denn hier wird es im Winter grün. Alles erwacht so langsam zum leben und fängt an zu wachsen. Also das komplette Gegenteil. Hier auf dem Bild siehst du, wo ich die meiste Zeit arbeite, wenn ich Zucchini, Tomaten oder Paprika wasche. Auf der rechten Seite sind die jungen Pflanzen, die wir nächste Woche wahrscheinlich pflanzen werden. Das ist aber noch nicht ganz sicher, da wir dafür Regen brauchen und für die nächsten Wochen ist erstmal keiner angesagt. Ich bin eigentlich ganz glücklich darüber, aber ich kann natürlich Tom verstehen. Das Gerüst darüber haben wir letzte Woche gemeinsam gebaut. Es fehlt zwar noch ein Dach, aber da die Sonne momentan nicht so stark ist, haben wir das noch nicht gemacht. In dem Haus ist eine riesige Küche, wo die Sachen gepackt und manchmal auch verarbeitet werden. Tom macht zum Beispiel Pastasoße oder verarbeitet Gemüse, damit er es nicht kaufen muss, wenn es nicht mehr in der Saison ist. So jetzt hast du mal einen kleinen Einblick in meinen Arbeitsplatz bekommen. Ich hätte nie gedacht, dass ich es mal schaffen würde ein Foto davon zu machen, da ich mein Handy nie bei der Arbeit dabei habe.

Donnerstag, 03.05

Nach der Arbeit war ich heute ziemlich gebräunt. Wir haben ein neues Feld vorbereitet, das wir nächste Woche wahrscheinlich bepflanzen werden. Es war eigentlich ziemlich entspannend, da wir nur auf einem Anhänger sitzen mussten. Es war so staubig und ich habe keine Ahnung, ob ich den ganzen Staub aus meinen Haaren bekommen habe. Aydos Laune ist leider immer noch nicht besser, aber dafür macht die Arbeit mit Jack ziemlich Spaß. Er fängt immer zwei Stunden später an als ich, da er seinen Schlaf braucht. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so viel schlafen kann. Jeden Morgen klingelt um 6:30 Uhr sein Wecker und er hört ihn nicht. Ich höre ihn und an meinen freien Tagen ist das echt entspannend. Ich frage mich echt, ob er ihn nicht hört oder ihn nicht hören möchte.

Freitag, 04.05

Heute hatte ich meinen Day-Off. Nach dem Aufstehen habe ich endlich meinen Flug gebucht. Casandra hat mich die letzten Tage danach gefragt, aber ich habe es vorher einfach nicht geschafft. Vielleicht wollte ich es auch nicht. Es ist ziemlich hart Good bye zu der Farm zu sagen. Es war für die letzten Wochen mein zuhause und so hat es sich auch angefühlt. Als ich hier herkam, hatte ich Heimweh und wollte meinen Rückflug umbuchen, als ich die Familie gesehen habe, war alles weg. Ja, es war sozusagen mein zuhause. Meine Ersatz-Familie. Ich habe mir zwar auch manchmal gedacht, warum ich das alles mache (vor allem am Dienstag), aber ich bin einfach ein Teil von ihnen. Es ist nicht einfach Tschüss zu sagen, wenn man nicht weiß, ob man sich jemals wieder sehen wird. Es ist komisch und ich denke, dass es bestimmt schwierig ist, das zu verstehen. Ich hoffe, dass ich eines Tages nochmal zurückkommen kann oder dass Jack mich in Deutschland besucht oder beides. Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal Glück auf einer Farm haben würde, aber man darf einfach nicht aufgeben.

Samstag, 05.05

Nach dem Frühstück machte ich einen langen Spaziergang mit Boots. Ich habe mir immer einen Hund gewünscht und hier hatte ich endlich mal einen. Einen ziemlich faulen, aber ich liebe es mit ihm spazieren zu gehen. Er jagt die Kängurus und ich versuche ein Bild von ihnen zu machen. Was ich den Rest des Tages gemacht habe? Puh eigentlich nichts. Ich habe mich einfach mal ausgeruht. Ich weiß gar nicht, wann ich das das letzte mal gemacht habe. Einfach mal nichts machen. Keine Verpflichtungen. Keine Arbeit. Nach einer Zeit war es zwar echt langweilig, aber das gehört wohl dazu. Ich habe versucht schon ein bisschen mein Zeug zu ordnen, aber irgendwie kann ich es noch nicht so glauben. Bald ist es vorbei. Nicht nur die Zeit auf der Farm, nein, alles. Bald bin ich wieder zu hause. Bald kann ich herausfinden, ob ich mich wirklich weiterentwickelt habe. Oder ob ich mich wieder zur Prinzessin zurück entwickle. Bald kann ich meine Familie in die Arme schließen. Ich habe mich so nach diesem Moment gesehnt und jetzt ist er zum greifen nah. Um ehrlich zu sein: immer wenn ich an die Flughafensituation denke, kommen mir irgendwie die Tränen. Wenn ich jetzt zurückschaue, fühlt sich alles an wie ein Traum. Niemand hat geglaubt, dass ich jemals nach Australien gehen würde. Noch nicht mal ich. Für mich war das ein Traum. Ein Traum, den ich irgendwie verwirklicht habe. Es fühlt sich so unrealistisch an. Heute hatte Jack Geburtstag, deswegen war abends die Oma da. Ich habe erst letzte Woche festgestellt, dass sie genauso ausschaut wie meine Uroma.

Sonntag, 06.05

Heute  ist nichts spannendes passiert. Am Morgen haben wir das Haus geputzt. Jetzt strahlt wieder alles. Mein Zimmer wollte ich eigentlich aufräumen, aber das hat noch Zeit. Wenn meine Mama mein Zimmer sehen würde. Zuhause werde ich ordentlich sein. Versprochen. Nachmittags war ich wieder mit dem Hund draußen. Ist es hier nicht wunderschön? Ich bin so verliebt in diesen Ort. Auch wenn es ein winzig kleiner Ort ist, die nächste Stadt mehrere Kilometer entfernt ist, könnte ich mir vorstellen hier zu leben. Am Morgen liegt ein Schleier über dem See. Mittags verzieht sich der Nebel und die Sonne kommt raus. Abends gibt es meistens einen wunderschönen Sonnenuntergang. Die Farben kann man überhaupt nicht beschreiben. Alleine der Fakt, dass hier überall Kängurus sind, ist doch ein Punkt für diesen Ort. Hier fühlt man einfach, dass man in Australien ist (außer morgens, denn es hat hier 3°C und das spricht nicht für Australien).

Die Woche hatte viel Ups and Downs. Ich habe endlich einen Plan für die Ostküste. Zwar keinen genauen, aber das wird schon. Ich habe meinen Flug gebucht. Ok, ich habe es auch ungefähr zwei Wochen vor mir hergeschoben, aber jetzt habe ich es endlich geschafft. Ich habe ganz vergessen meinen Eltern davon zu erzählen. Die waren ganz schön erstaunt wie selbstständig ich geworden bin. Als ich das gehört habe, war ich auch ein bisschen erstaunt. Ja, ich bin ganz schön selbständig geworden und traue mich endlich was. Am Anfang hatte ich immer noch ein bisschen Panik, dass ich irgendwas falsch mache und jetzt ist es ganz einfach. Es fühlt sich gut an. Ich bin zwar unglaublich dankbar, dass ich so viel Unterstützung bekomme, aber es doch etwas anderes, wenn man sieht, was man alles alleine kann. Für manchen mag das jetzt total komisch klingen, denn was ist schon dran, wenn mann seine Reise selber plant, aber für mich ist das schon etwas. Ich habe diese Woche einfach gemerkt, wie ich über mich herausgewachsen bin. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat habe ich so viel gelernt, hatte natürlich auch Rückschläge, aber das wichtigste ist doch, das ich nie aufgegeben habe. Ich wusste, dass es irgendwann zu ende sein wird und jetzt kann ich es gar nicht glauben. Die Tage kann man zählen, deswegen möchte ich jetzt nur noch genießen! Und das solltest du auch tun.

xoxo

Lara

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